Anonymität im Internet: ja, bitte!

eroding privacyÜber BILDblog habe ich zwei Artikel – bei SPRENGSATZ und dradio.de – gefunden, die sich gegen Anonymität in Debatten im Internet aussprechen. Das nachvollziehbare Argument ist, dass sich Menschen in der Anonymität anders verhalten, als wenn sie nicht-anonym sind. Als Real Life-Beispiel werden Hooligans genannt, die in der Masse gewalttätig werden.
Als Beispiele aus dem Internet werden auf der einen Seite die bekannten und vielgehassten Trolle genannt, die jede Diskussion sehr schnell beenden bzw. dafür sorgen, dass diese keine Grundlage mehr haben. Auf der anderen Seite gibt es wesentlich widerlichere Beispiele – in erster Linie Menschen, die aus der Anonymität heraus bei „ich (ver)teile Lügen“(1) Lügen über ihre Mitmenschen erzählen, oftmals Jugendliche, die sich nun nicht nur mehr von den „Alten“ abgrenzen müssen, sondern auch von Gleichaltrigen angegriffen werden.

Andererseits hilft es wenig, auf Einzelfälle hinzuweisen und erst recht nicht, auf soziale Probleme technische Lösungen finden zu wollen.(2) Das war mein erster Einwand dagegen, Realnamen von Kommentierenden einzufordern.

Mein zweiter ist, dass der Kommentator der Kunde ist, und man es ihm somit vereinfachen sollte, das Kommentieren. Ich meine, seitdem die sueddeutsche Kommentare anscheinend wahllos löscht, habe ich meinen Account da auch gelöscht.

Außerdem, und das ist mein Hauptargument, gibt es ganz einfach das Problem, dass der Kommentierende nie weiß, wo die eigene Äußerung einmal auftaucht. Ob sie aus einem geschlossenen Forum nicht doch einmal öffentlich wird, z.B. nach einem Aufkauf der Bestände, einer Änderung der AGB… heute ist es noch alles privat, aber eines Tages kann es öffentlich sein. Vielleicht wird eine eMail mit den neuen AGB herum geschickt, aber wer weiß in xy Jahren noch, wo er irgendwann einmal etwas peinliches hinterlassen hat.
Zum Teil kann man sich das vielleicht so vorstellen, dass jede Äußerung, die man heute im Freundeskreis macht, irgendwann einmal veröffentlicht werden kann. Jeder dumme Scherz, den man in einem mehr oder weniger sinnvollen Forum/Blog/Sozialem Netz eingibt, und der heute nur für Eingeweihte gelesen werden kann, wird dann öffentlich und die Vorgesetzte fragt dann spitzbübisch, ob man auch am Arbeitsplatz unanständige Witze erzähle…(3)

(1) Ihr wisst schon, welche Seite gemeint ist. Ich möchte nicht noch mal extra darauf hinweisen, (ist ja auch verboten). Aber da die Seite lange und oft genug in den Medien war, kennt sie eh jeder…
(2) Vor allem, wenn man daran denkt, dass sich viele US-Unternehmen im Internet tummeln, die sich nicht sooo sehr um solche deutschen Eigenarten scheren, wie „ich erzähle Lügen“ zum Beispiel…
(3) Klasu Raab schreibt in seinem sehr interessanten und lesenswerten Buch „Wir sind online – wo seid ihr?“ (über das ich hoffentlich noch mal eine Rezension oder so ähnlich schreiben werde) zwar, dass es eines nicht ganz fernen Tages vollkommen normal sein wird, Partyfotos im Netz stehen zu haben, aber ich denke, noch sollte man hier nicht allzu viele Risiken eingehen…

Bild von Alan Cleaver